Original 1882

                                                                                                                            Detroit, 13. Mai 1882

Lieber Bruder und Schwägerin
Euren lieben Brief habe ich erhalten und beeile mich Dir denselben zu beantworten. Ich hätte Dir auch sofort gerne Deinen Wunsch in Betracht der verlangten Papiere erfüllt, kann aber nicht klug daraus werden, was Du eigentlich wünschest. Du schreibst ich soll dir einen Pachtcontract schicken, während ich doch dencke es muß ein Kaufkontract sein. Auch weiß ich weder Parzelle noch Nummer und Größe mehr von dem Lande, es würde also keinesfalls das richtige Papier, so wie du es haben mußt, sein, wenn ich dir dasselbe schicke. Laße deshalb einen Contract dort anfertigen und schicke ihn mit der Post herüber, wo ich und meine drei ältesten Brüder [2 Wörter fehlen] gerichtlich beglaubigen [2-3 W. fehlen] retour schicken. Du fragst, was ich mit meinen Kindern anfange und was Heinrich macht ? Mit diesem hast Du mir eine große Last aufgebürdet, den ganzen Winter hat er wieder zu Hause gelegen und sich von mir füttern lassen, während ich doch alles theuer kaufen muß. Er ist aber jetzt seit zwei Wochen wieder an Arbeit, wo er mir dann Kostgeld bezahlt und das übrige vertrinckt. Ordentliche Kleidung schafft er sich nicht an und wenn ich mich nicht schämen will, muß ich ihm von meinen Jungens Kleider geben, daß er sich kann sehen lassen. Wenn er mich gar nicht hätte, würde es bestens sein, aber so verläßt er sich auf mich. Was mich anbelangt, so habe ich nichts wie Kummer und Sorgen seitdem Eduard todt ist. Weil ich nun erfahren habe, wie viel Aufschneiderei Jos. Müer Euch vorgemacht hat, will ich die meine Lage der Wahrheit gemäß mal auseinander setzen. Carl ist nun schon seit Nov. über 1 Jahr verheirathet. Er heirathete gleich nachdem Jos. Müer von seiner Reise nach Deutschland zurückkam. Er hat schon ein kleines Mädchen von 8 Monaten. Nun habe ich Josef und Egon, die verdienen ziemlich viel Geld. Ihr müßt aber nicht denken, daß ich das habe, die bezahlen, wie das hier in Amerika überhaupt Mode ist, ihr ordentliches Kostgeld und das übrige behalten sie für sich selbst. Davon kleiden sie sich nobel und machen alles mit, was mitzumachen ist. Ich kann noch froh sein, daß sie sich ordentlich halten und ihr Geld nicht verhunzen und versaufen, wie hier so viele thun, die nicht mal ihren Eltern die Kost bezahlen. Von Pflichten der Kinder gegen die Eltern ist hier im freien Lande Amerikas keine Rede. Freilich, wäre Lingohr am Leben geblieben, dann wäre das ganz anders gewesen, dann hätten wir unser eigenes Zigarrengeschäft und die Jungens hätten zu Hause gearbeitet, dann wäre ein Regent dazwischen gewesen. Ferdinand ist in der Lehre, er lernt das Barbiergeschäft, welches hier ein ganz gutes Geschäft ist. Er verdient aber immer noch sehr wenig. Ich habe immer noch einen Kostgänger zugenommen, um mich besser durchzuschlagen, aber da ist jetzt auch nicht viel mit zu machen; es ist hier augenblicklich alles sehr theuer diesen ganzen Winter [2 W. fehlen] jetzt noch. Benjamin Schreiber habe ich 2 1/2 Jahr gehabt, auch Meier Funke war längere Zeit bei mir in Kost, augenblicklich aber habe ich Albert Fredebeiel, lauter alte Bekannte. Ich habe also immer 12 Mann zu Tische, ihr könnt Euch also auch wohl denken, daß das viel Arbeit giebt, welches ich alle allein besorge. Ich könnte gewiß eins von den beiden Mädchen zu Hause gebrauchen, um mir zu helfen, aber ich muß sie alle beide zur Arbeit schicken, damit wir durchkommen. Das Kochen wäre das wenigste, aber das viele Putzen, der Bader muß immer weiß gescheuert sein, das viele Backen, das man hier im Lande thun muß, nebst dem vielen Waschen und Bügeln, denn hier trägt alles Faltenhemden und das viele helle Zeug für die Kinder. Zwar thue ich seit diesem Winter, wo ich nach übermäßiger Arbeit krank war, das Waschen nicht mehr selbst und kriege eine jede Woche eine Waschfrau, aber das Bügeln bleibt mir doch. Nun noch stricken und nähen für solch große [2 W. beschädigt]. Hier näht man alles selbst und alle Kleider, die meine Kinder tragen, habe ich selbst genäht. Ich kann Hosen und Jacken für die Jungens machen wie der beste Schneider. Ich habe freilich eine Nähmaschine. So nun habt Ihr in Kürze der strengsten Wahrheit gemäß das beneidenswerthe Loos Eurer einzigen Schwester, welches Ihr Euch gewiß so nicht vorgestellt habt. Freilich, hätte ich meinen Eduard behalten, dann wäre das ganz anders gewesen, dann hätten wir auch sicher jetzt ein eigenes Haus, während ich jetzt jeden Monat 11 Thl. [Thaler, meint Dollar] Miethe bezahlen muß; hier bezahlt man [2 Wörter beschädigt]. So muß ich mich durchschlagen und bei all meiner Plage kann ich noch keinen Thl. erübrigen im Fall mich Krankheit oder Sterbefälle treffen sollten. Was Jos. Müer bewogen hat, Euch so viel Wind vorzumachen, kann ich nicht begreifen; übrigens gedacht haben wir es alle, denn man ist es hier auch nicht besser an ihm gewohnt. Er ist ein ganz guter Kerl, aber Lügen und Prahlen kann er nicht lassen, das steht überhaupt in Müers Blut. Am Weißen Sonntag ist Ludolph auch zur ersten h. Komunion gegangen, also auch jetzt aus der Schule und unser Kleinster ist gestern zum erstenmal in die Schule gegangen. Ich habe jetzt bloß noch drei Kleine und denke oft, wenn ich jetzt wieder drüben bei Euch wäre, das wäre besser für mich und auch für die Kinder. Dort könnte ich sie besserer lernen lassen wie hier, denn hier giebt es doch nichts anders wie gewöhnliche Arbeiten. Wenn ich sie wirklich nur Geschäft erlernen lasse, dann müssen sie doch später in Fabriken oder großen Werkstätten arbeiten, das ist hier ganz anders wie draußen. Auch bräuchte ich mir nicht so große Sorge ihretwegen zu machen, ob sie gut werden und später mir keine Schande machen, was um so schlimmer ist, weil sie keinen Vater mehr zu fürchten haben. Wie groß hier die Verführung unter der heranwachsenden Jugend ist, davon könnt Ihr Euch keinen Begriff machen. Hier sind ganz ordentliche Eltern, deren Kinder total verdorben sind und zu ihrer Schande ins Zuchthaus gebracht werden. Wenn Ihr hier auf die Straße kämet und hörtet, wie Kinder von 3 bis 4 Jahren schwören und fluchen, Ihr würdet die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Achtung vor dem Alter kennen sie hier nicht. Der kleinste Bengel untersteht sich, mit Dreck und Steinen nach den ältesten Leuten zu werfen. Überhaupt Bildung ist hier gar nicht; es ist ein rohes Land. Buben von 12 bis 13 Jahren tragen schon Revolver und Messer in der Tasche, die bei geringsten Kleinigkeiten gezogen werden, davon auch die vielen Unglücke. Kurz und gut, ich könnte ein ganzes Buch hiervon schreiben. Zwar - Gott sei Dank - solche Exemplare habe ich keine darunter, daß wäre auch sicher mein Tod, wenn ich bei all den großen Schicksalen, die ich schon erlebt habe auch noch Schande an meinen Kindern erleben sollte! Aber wer bürgt mir dafür, ob nicht doch noch der eine oder der andere später darunter kommt? Glaubt mir sicher, daß das eine meiner größten Sorgen ist!-
Ich denke, und Ihr werdet mir Recht geben, wenn ich jetzt in Deutschland wäre, z. B. in Bochum, wo Bruder Peter ist, und hielte dort einige Kostgänger, Peter natürlich und vielleicht noch einige Freunde von ihm, oder wenn das nichts wäre, hietge [=fügte?] einen kleinen Laden an, dann wägte [?] es doch leicht, daß ich mich mit meinen par Kindern durchschlüge. Denn ich hab ja bloß drei mehr; dann säße ich nicht mehr hier allein in der fremden Welt, denn fremd bin ich und bliebe ich hier, die Sehnsucht nach der Heimat hat mich noch nie verlassen und wird mich auch nimmer verlaßen! Ferdinand ist ein hübscher gewandter Junge; wenn das Barbiergeschäft dort nichts ist, könnte ich ihn in jedes andere Geschäft thun. Ludolph ist auch ein kräftiger Junge und könnte schon irgendetwas lernen. Die beiden Mädchen können schon beide ihr Brod verdienen. Maria ist größer und stärker wie ich. Also bleiben bloß die drei kleinen übrig, die noch in die Schule müssen. Was meine ältesten anbelangt, die sollten wohl hier bleiben. Carl ist verheirathet und Jos. geht auch schon mit einem Mädchen. Egon aber würde mitkommen und würde auch draußen mehr von haben wie hier. Er ist ein tüchtiger Zigarrenmacher und ein ganz guter Junge. Ich bin überzeugt, wenn er von seinen Collegen fort wäre, würde er eine tüchtige Stütze sein. Ich habe schon mal gedacht, ich wollte diesen Sommer ihn zuerst mal zu Euch schicken. Nun habe ich Euch meine ganzen Verhältnisse der reinsten Wahrheit gemäß geschildert und nun rathe du, lieber Bruder nebst deiner lieben Frau mir mal das Beste. Auch schickt Peter diesen Brief, der mich dann auch seine Meinung wissen lassen kann.

   [Schlußformel und Unterschrift paßten nicht mehr auf den Briefbogen]